FALL 1:
Die Schülerin Beate war mir aus dem Unterricht bekannt, wenngleich
ich den Kurs erst zu Beginn des 10. Jahrgangs übernommen hatte. Sie
erwies sich im Unterricht als recht intelligent, durchschnittlich fleißig,
von den Mitschülern durchaus anerkannt. Sie trug modische Kleidung
und Schmuck, hatte bereits einen festen Freund, konkrete Vorstellungen
ihre berufliche Zukunft betreffend. Sie war in der Lage, einen eigenen
Standpunkt zu beziehen, sich durchzusetzen. Politisch war sie interessiert,
war dabei, ihren eigenen Standpunkt zu beziehen, wobei ihr Bru-der, der
einer rechtsextremen Partei angehörte, eine nicht unwichtige Rolle
spielte. Alles in allem erschien sie als eine Person, die "mit beiden Beinen
auf dem Boden stand". Auf dem Wittekindshof sollte ihr Einsatzort das Schülerdorf
sein. Der erste Tag verlief anscheinend noch normal. Am Dienstag jedoch
suchten mich gegen Mittag Schüler auf, die mich baten, mich um die
Schülerin zu kümmern, diese sei "völlig fertig". Bald traf
ich die Schülerin, die, sobald sie mich sah, haltlos zu schluchzen,
weinen und zittern begann. Sie war ein Bild des Jammers. Während eines
fast zweistündigen Spazierganges erzählte sie mir, was passiert
war: Die Betreuer der Gruppe hatten sie gleich am ersten Morgen mit einer
Behinderten im Rollstuhl alleine gelassen. Diese war wohl übellaunig
und aggressiv und bedrängte sie so sehr, dass sie sich kaum noch zu
helfen wusste. Schließlich kamen die Betreuer zurück und schickten
sie, ohne ihren Zustand zu bemerken, mit derselben Behinderten in den Krankenhausbereich.
Dort war sie wieder weitgehend sich selber überlassen. Von überall
her hörte sie Stimmen und Schreie, so dass sie es schließlich
nicht mehr aushielt und Hals über Kopf die Flucht ergriff. Der Hintergrund
für ihren Zusammenbruch war -wie ich in den Gesprächen erfuhr-
folgender: Etliche Zeit vorher war die Schülerin an Magersucht so
schwer erkrankt, dass sie in einer geschlossenen Abteilung der Psychiatrie
untergebracht werden mußte. Psychisch ohnehin bis an die Grenzen
belastet, erlebte sie Situationen wieder, als sie sich in dem besagten
Krankenhausbereich aufhielt. "Alles stürmte plötzlich wieder
auf mich ein, die Schreie, die ich dort Tag und Nacht hörte, ich glaubte,
ich würde verrückt".
Es gelang mir, die Schülerin weitgehend zu beruhigen und stellte
sie für den Rest des Tages frei. Sie selbst hatte einen hohen Anspruch
an sich selbst, wollte das Praktikum "doch nicht abbrechen". So überlegte
ich gemeinsam mit Herrn Grube, unserem Ansprechpartner auf dem Wittekindshof,
ihr eine andere angemessene Stelle zu besorgen. Hierhin begleitete ich
sie zunächst, um ihr mehr Sicherheit zu vermitteln, konnte sie aber
nach kurzer Zeit schon wieder verlassen, da sie offen-sichtlich gut zurecht
kam. Während des weiteren Verlaufs gab es keine Probleme mehr mit
ihr. Sie entwickelte sich genau so wie alle anderen und strahlte denselben
Enthusiasmus wie alle anderen aus.
FALL 2:
Ulrike war bereits vorher als ziemlich sensibel aufgefallen und bekannt
dafür Stimmungsschwankungen unterworfen zu sein. Ihr soziales Umfeld
war mir bekannt. Sie lebte in einer Pflegefamilie, deren Namen sie sogar
annehmen wollte, von der sie sich andererseits aber unverstanden fühlte.
Sie litt unter psychosomatischen Erscheinungen (wurde grundlos ohnmächtig).
Unter ihrer Herkunft litt sie, wollte nichts mit ihren leiblichen Eltern
zu tun haben. Beide Elternteile waren Alkoholiker, hatten sich wohl schon
seit längerem getrennt, der Vater sollte wohl obdachlos herumvagabundiert
sein. Sie hasste daher Alkohol und hatte wohl Angst, erblich vorbelastet
zu sein, zumal sie ihrem Bruder unmäßigen Alkoholgenuß
vorwarf.
Ulrike hatte zwar keinen Zusammenbruch, man merkte jedoch, dass sie
relativ still war und bedrückt wirkte. Ich versuchte immer wieder
mit ihr ins Gespräch zu kommen. Schließlich bat sie mich um
ein "offenes" Gespräch. Sie sei so außerordentlich traurig,
wenn sie "das" sehe, dass sie ständig kurz davor sei loszuheulen (was
im übrigen bei einigen geschehen war, als sie zufällig bei einem
Rundgang dabei waren, als ein schwerstbehinderter etwa 30jähriger
Mann einen Anfall erlitt). Sie habe sich bisher nicht getraut etwas zu
sagen, weil ich sonst denken könnte, sie sei schwach und sie verachte.
Wir unterhielten uns ca. 1 1/2 Stunden über alles mögliche und
die Situation im Wittekindshof im Besonderen. Dies genügte b-reits
völlig. Mit gebesserter Laune begab sie sich an ihre Einsatzort und
entwi-kelte sich im Laufe des Praktikums sehr positiv. Nach der Schule
begann sie eine Ausbildung als Krankenschwester.
FALL 3:
Sabine hatte große Probleme mit ihrer Rolle in der Schule. Mit
den Gesprächen und dem Tun ihrer MitschülerInnen hatte sie wenig
"am Hut". Das war ihr alles zu albern. Sie hatte lieber Umgang mit Älteren.
Sie konnte sich im Kurs- oder Klassenverband behaupten, nahm aber immer
eine gewisse Außenseiterrolle ein. Zeitweilig gehörte sie einer
recht radikalen Clique an, die sie jedoch verließ und von der sie
sich distanzierte. Offenbar hatte sie Probleme mit ihrer Sexualität.
So "verliebte" sie sich in eine Kollegin, die sie selbst nachts anrief.
Zeitweilig wurde sie von einem Psychiater oder Psychologen beraten. Mir
vertraute sie an, dass sie "nichts mit Jungen anfangen" könne. Sie
wisse allerdings auch nicht genau, ob sie nun eigentlich lesbisch sei.
Insgesamt war sie ein recht derber Kumpeltyp, sehr sportlich, ihr Betriebspraktikum
hatte sie in der holzverarbeitenden Industrie absolviert. Sie gestand offen
Alkoholprobleme ein.
Auf dem Wittekindshof hatte sie das Problem, mit ihrem Mitleid und
ihren Ansprüchen an sich selbst nicht fertig zu werden. Sie beendete
zwar das Praktikum mit großer Anstrengung und ohne Klagen, ihre Selbstzweifel
blieben jedoch erhalten. Diese und die Neigung zur Depression waren Charaktereigenschaften
ihrer Person, die dazu führten, dass sie während des Praktikums
keine Entwicklung wie die anderen Schüler erlebte und es somit wahrscheinlich
nicht als eine positive Bereicherung ihres Lebens ansehen konnte. Als ich
sie dann jedoch nach ca. 1 ½ - 2 Jahre später wieder traf,
stelllte sich heraus, dass sie durchaus positive Erinnerungen an das Praktikum
hatte, wobei sie aber feststellte, dass sie sich für einen solchen
Beruf nicht eigne.
FALL 4:
Susanne galt auch unter Kollegen als eine Schülerin, die fest im
Leben steht. Sie konnte sich in der Schule, der Klasse durchsetzen, hatte
aber immer wieder auch schulische Probleme. Sie war als Schülerin
bereits in einem "vorgerückten" Alter (18 Jahre), wirkte selbstbewusst,
selbstsicher, konnte bei Konflikten vermitteln und war im SOWI-Unterricht
sehr engagiert. Um so überraschter war ich, als ich bemerkte, dass
sie sich anders verhielt. Beim abendlichen Austausch am Montag hielt sie
sich auffällig in ihren Äußerungen zurück. Erst als
die Mitschüler sie frag-ten, wie es denn bei ihr gewesen sei, meinte
sie, auch bei ihr sei alles "ganz toll gewesen", sie habe dies und das
gemacht und erlebt.
Man konnte es ihr nicht abnehmen. Zu künstlich wirkte ihre gute
Laune, ihre ganze Haltung wirkte völlig verkrampft.
Ich erklärte ihr, ich sei noch nie in einer Gruppe wie der ihren
gewesen und wolle gerne mit ihr kommen, wenn sie nichts dagegen habe. Den
Praktikanten des Schülerdorfes ist die Möglichkeit gegeben, am
schulischen Unterricht der Sonderschule teilzunehmen. Also begab ich mich
mit ihr in die Klasse, der sie zugeteilt war. Es war offenkundig, dass
sie mit der Situation nicht zurechtkam. Sie klebte an ihrem Stuhl, versuchte
möglichst Abstand zu den Kindern zu halten, wirkte blass und in sich
gekehrt, die ganze Körperhaltung war verkrampft. Sie wirkte ängstlich
und als würde sie jeden Moment davonlaufen wollen. Die Situation war
unhaltbar und es erschien mir das beste, die Schule mit ihr zu verlassen.
Vorsichtiges Nachfragen führte dann dazu, dass sie mir ihre Lebensgeschichte
bzw. -umstände erzählte. Ihre Eltern lebten getrennt, der Vater
war Trinker, die Mutter lebte mit einem wesentlich jüngeren Mann zusammen,
mit dem Susanne sich nicht ver-stand. Erst kurz zuvor hatte sie erfahren,
dass ihr angeblich leiblicher Vater gar nicht ihr Vater war, sondern dessen
Freund. Sie selbst hatte eben mit ihrem Freund die Beziehung beendet, weil
dieser nicht mit dem Trinken aufhörte und sogar wohl schon einmal
gewalttätig geworden war. Für ihre Kleidung und was sie sonst
noch brauchte kam Susanne selbst auf, indem sie neben der Schule Jobs nachging,
die eine Menge von ihrer Zeit in Anspruch nahmen.
Das Mädchen war in jeder Hinsicht zutiefst verunsichert. Das lange
Gespräch verschaffte ihr Erleichterung, die Verkrampfungen und Ängste
lösten sich. Auch sie wollte auf keinen Fall das Praktikum abbrechen.
Wir kamen überein, dass sie eine andere Stelle bekommen sollte, damit
sie noch einmal von vorne beginnen könne. Der Bann war gebrochen,
den Rest des Praktikums absolvierte sie fröhlich und engagiert.
FALL 5:
Regina kannte ich seit der fünften Klasse. Sie war schon da ein
Außenseitertyp: still, in sich gekehrt, schüchtern, ohne soziale
Kontakte zu ihren Mitschülern. In der sechsten Klasse vertraute sie
sich der Klassenlehrerin an. Sie war (angeblich?) sexuell missbraucht oder
zumindest massiv sexuell belästigt worden und zwar von einem entfernteren
Familienmitglied. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon älter als ihre
Mitschülerinnen, da sie eine Aussiedlerin ist. Zu dem Zeitpunkt, als
sie sich der Klassenlehrerin anvertraute, machte sie auch mir gegenüber
diesbezügliche Andeutungen, so dass ich von Anfang an die Entwicklung
beobachten konnte und auf dem Laufenden war. Später erzählte
sie mir (in der 8. oder 9. Klasse) die ganze Geschichte. Sie wurde eine
Zeit lang psychologisch betreut, brach aber dann diese Kontakte von sich
aus ab, da sie meinte, das sei nicht mehr nötig.
Ob es dieses Erlebnis war, das dazu führte, dass sie heute immer
noch sehr labil ist, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls nimmt sie noch
immer eine Außenseiterrolle ein und verfügt praktisch über
kein Selbstwertgefühl. Sie neigt dazu, sich außerordentlich
in eine sehr negative Sicht der Welt hineinzusteigern, ist fasziniert vom
Tod und hat mir gegenüber auch schon Selbstmordgedanken geäußert,
die ich sehr ernst genommen habe. Die Gespräche mit ihr sind enorm
schwierig. Im Grunde benötigt dieses Mädchen psychologische Hilfe,
da sie m.E. psychisch schwer gestört ist und in einer Traumwelt lebt,
die man nur als Hölle bezeichnen kann. Es ist mir nicht gelungen,
sie zu überreden, sich fachlicher Hilfe anzuvertrauen. Ich denke,
dass die Gefahr, dass sie etwas anstellt, nicht so groß ist, so-lange
sie sich mir (mit einem enormen Vertrauen) anvertraut und das Gespräch
immer wieder sucht.
Dass es mit Regina Schwierigkeiten geben würde, war mit bewusst.
Schüler/innen, die persönliche seelische Probleme haben, haben
meist große Pro-bleme im Umgang mit den Behinderten. Dazu sollte
es aber gar nicht erst kommen. Ich sah sie erst auf dem Wittekindshof wieder
und sie war sehr aufgelöst und aufgeregt und wehrte sich mit allen
Mitteln dagegen, das Praktikum durchzuführen. Ihre Mutter, die sie
gebracht hatte, bestärkte sie nur noch darin (die Eltern waren auch
bei der Missbrauchsgeschichte nicht sehr hilfreich, wie mir erzählt
wurde). Das Hauptargument war, dass sie sich sehr mit der Frage, ob sie
das Praktikum ertragen können, beschäftigt habe und es ganz schrecklich
finde, zum Wittekindshof zu gehen. Sie könne den Anblick nicht verkraften.
Sie wisse ganz genau, was sie dort erwarte, sie sei in Russland schon einmal
in einer solchen Einrichtung gewesen. Es wurde deutlich, dass sie die reinsten
Schreckensvisionen heraufbeschworen hatte, die keinerlei Realitätsbezug
mehr hatten, sondern allein auf einem enormen Angstpotential beruhten.
Sie war auch nicht bereit, sich wenigstens die Sache mal anzusehen. Kurz
und gut, alle Überredungskünste erwiesen sich als zwecklos. Sie
hatte sich geradezu in eine Panik hineingesteigert, so dass es mir nicht
ratsam schien, sie zu zwingen - falls mir das überhaupt gelungen wäre.
Dieser Fall bestätigt die These, dass der Kontakt mit geistig
Behinderten für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten Probleme
aufwerfen kann.
RESUMEE:
Mindestens drei weitere ähnliche (mehr oder weniger problematische) Fälle könnten hier geschildert werden. Eines ist allen diesen Fällen gemeinsam: Schwierigkeit treten immer dann auf, wenn Schüler psychisch und sozial in Bedrängnis sind. Dann haben sie einfach keine Kapazitäten mehr frei, um mit den auf sie einstürzenden Eindrücken und Problemen fertig zu werden. Schon das Ende einer Freundschaft kann den Aufenthalt auf dem Wittekindshof beeinträchti-gen, so dass ein/e Schüler/in in Tränen ausbricht. Das ist nicht immer ein Signal dafür, dass die Situation unerträglich ist. Wichtig ist es, nicht jede Reaktion gleich überzubewerten, andererseits aber immer ein wachsames Auge zu haben.