Problemsituationen

Wie bereits verschiedentlich angedeutet, verläuft nicht jedes Praktikum unproblematisch. Seit ich die Betreuung des Praktikums 1989 übernahm, gab es einige wenige Fälle, in denen Schülerinnen oder Schüler sich den psychischen Belastungen nicht gewachsen sahen. In diesen Fällen ist der volle Einsatz des betreuenden Lehrers gefordert. Um es erst gar nicht zu einem Desaster kommen zu lassen, ist es erforderlich, dass der betreuende Lehrer intensiv an den Erlebnissen der Schüler partizipiert, d.h. sie besucht, beobachtet (ohne dass die Schüler diesen Eindruck gewinnen und sich beobachtet fühlen), eigenes Interesse am Wittekindshof, seinen Bewohnern und den jeweiligen Einrichtungen bekundet und sich selbst auf Erlebnisse einläßt. So wird er selbst ein Teilnehmer und integriert sich in die Gruppe, wodurch auch notwendiges Vertrauen entsteht. Schließlich muss er vor allem eines: zuhören können. Wichtig ist v.a. auch, dass er den Schülern in der letzten Woche vor Beginn des Praktikums zur Verfügung steht, denn erst, wenn der Termin immer näher rückt, stellen sie Fragen, äußern Ängste und Bedenken. Ist der Termin noch in der Ferne, so wird die Sache verdrängt. Dies stellte sich 1996 heraus, als ich den Schülern aufgrund eines Schullandheimaufenthaltes vierzehn Tage nicht als Ansprechpartner zur Verfügung stand und ich sie erst am Tag des Praktikumbeginns wiedersah. Organisatorisch gab es keine Probleme, aber für die allgemeine psychische Gestimmtheit war dies nicht zuträglich. Auch für mich selbst war die Umstellung nicht unproblematisch, das "Umschalten" von einem Schullandheimaufenthalt mit siebten Klassen zu einem Aufenthalt in einer Behinderteneinrichtung mit Schülern der zehnten Klassen gelang mir nicht besonders gut. So muss ich im Nachhinein feststellen, dass ich nicht über das Einfühlungsvermögen verfügte, was ich für nötig halte, um den Schülern gerecht zu wer-den, d.h. dass ich z.T. nicht oder zu spät wahrnahm, dass Schüler Probleme hatten.
Im Folgenden werden einige Situationen geschildert und wie sie bewältigt wurden. Die Namen der Schülerinnen und Schüler wurden aus Gründen des Persönlichkeitsschutzes geändert. Es kann sein, dass ich mich in den einzelnen Details etwas irre, da inzwischen bereits einige Zeit vergangen ist, aber grundsätzlich hat es sich so zugetragen.

FALL 1:

Die Schülerin Beate war mir aus dem Unterricht bekannt, wenngleich ich den Kurs erst zu Beginn des 10. Jahrgangs übernommen hatte. Sie erwies sich im Unterricht als recht intelligent, durchschnittlich fleißig, von den Mitschülern durchaus anerkannt. Sie trug modische Kleidung und Schmuck, hatte bereits einen festen Freund, konkrete Vorstellungen ihre berufliche Zukunft betreffend. Sie war in der Lage, einen eigenen Standpunkt zu beziehen, sich durchzusetzen. Politisch war sie interessiert, war dabei, ihren eigenen Standpunkt zu beziehen, wobei ihr Bru-der, der einer rechtsextremen Partei angehörte, eine nicht unwichtige Rolle spielte. Alles in allem erschien sie als eine Person, die "mit beiden Beinen auf dem Boden stand". Auf dem Wittekindshof sollte ihr Einsatzort das Schülerdorf sein. Der erste Tag verlief anscheinend noch normal. Am Dienstag jedoch suchten mich gegen Mittag Schüler auf, die mich baten, mich um die Schülerin zu kümmern, diese sei "völlig fertig". Bald traf ich die Schülerin, die, sobald sie mich sah, haltlos zu schluchzen, weinen und zittern begann. Sie war ein Bild des Jammers. Während eines fast zweistündigen Spazierganges erzählte sie mir, was passiert war: Die Betreuer der Gruppe hatten sie gleich am ersten Morgen mit einer Behinderten im Rollstuhl alleine gelassen. Diese war wohl übellaunig und aggressiv und bedrängte sie so sehr, dass sie sich kaum noch zu helfen wusste. Schließlich kamen die Betreuer zurück und schickten sie, ohne ihren Zustand zu bemerken, mit derselben Behinderten in den Krankenhausbereich. Dort war sie wieder weitgehend sich selber überlassen. Von überall her hörte sie Stimmen und Schreie, so dass sie es schließlich nicht mehr aushielt und Hals über Kopf die Flucht ergriff. Der Hintergrund für ihren Zusammenbruch war -wie ich in den Gesprächen erfuhr- folgender: Etliche Zeit vorher war die Schülerin an Magersucht so schwer erkrankt, dass sie in einer geschlossenen Abteilung der Psychiatrie untergebracht werden mußte. Psychisch ohnehin bis an die Grenzen belastet, erlebte sie Situationen wieder, als sie sich in dem besagten Krankenhausbereich aufhielt. "Alles stürmte plötzlich wieder auf mich ein, die Schreie, die ich dort Tag und Nacht hörte, ich glaubte, ich würde verrückt".
Es gelang mir, die Schülerin weitgehend zu beruhigen und stellte sie für den Rest des Tages frei. Sie selbst hatte einen hohen Anspruch an sich selbst, wollte das Praktikum "doch nicht abbrechen". So überlegte ich gemeinsam mit Herrn Grube, unserem Ansprechpartner auf dem Wittekindshof, ihr eine andere angemessene Stelle zu besorgen. Hierhin begleitete ich sie zunächst, um ihr mehr Sicherheit zu vermitteln, konnte sie aber nach kurzer Zeit schon wieder verlassen, da sie offen-sichtlich gut zurecht kam. Während des weiteren Verlaufs gab es keine Probleme mehr mit ihr. Sie entwickelte sich genau so wie alle anderen und strahlte denselben Enthusiasmus wie alle anderen aus.

FALL 2:

Ulrike war bereits vorher als ziemlich sensibel aufgefallen und bekannt dafür Stimmungsschwankungen unterworfen zu sein. Ihr soziales Umfeld war mir bekannt. Sie lebte in einer Pflegefamilie, deren Namen sie sogar annehmen wollte, von der sie sich andererseits aber unverstanden fühlte. Sie litt unter psychosomatischen Erscheinungen (wurde grundlos ohnmächtig). Unter ihrer Herkunft litt sie, wollte nichts mit ihren leiblichen Eltern zu tun haben. Beide Elternteile waren Alkoholiker, hatten sich wohl schon seit längerem getrennt, der Vater sollte wohl obdachlos herumvagabundiert sein. Sie hasste daher Alkohol und hatte wohl Angst, erblich vorbelastet zu sein, zumal sie ihrem Bruder unmäßigen Alkoholgenuß vorwarf.
Ulrike hatte zwar keinen Zusammenbruch, man merkte jedoch, dass sie relativ still war und bedrückt wirkte. Ich versuchte immer wieder mit ihr ins Gespräch zu kommen. Schließlich bat sie mich um ein "offenes" Gespräch. Sie sei so außerordentlich traurig, wenn sie "das" sehe, dass sie ständig kurz davor sei loszuheulen (was im übrigen bei einigen geschehen war, als sie zufällig bei einem Rundgang dabei waren, als ein schwerstbehinderter etwa 30jähriger Mann einen Anfall erlitt). Sie habe sich bisher nicht getraut etwas zu sagen, weil ich sonst denken könnte, sie sei schwach und sie verachte. Wir unterhielten uns ca. 1 1/2 Stunden über alles mögliche und die Situation im Wittekindshof im Besonderen. Dies genügte b-reits völlig. Mit gebesserter Laune begab sie sich an ihre Einsatzort und entwi-kelte sich im Laufe des Praktikums sehr positiv. Nach der Schule begann sie eine Ausbildung als Krankenschwester.

FALL 3:

Sabine hatte große Probleme mit ihrer Rolle in der Schule. Mit den Gesprächen und dem Tun ihrer MitschülerInnen hatte sie wenig "am Hut". Das war ihr alles zu albern. Sie hatte lieber Umgang mit Älteren. Sie konnte sich im Kurs- oder Klassenverband behaupten, nahm aber immer eine gewisse Außenseiterrolle ein. Zeitweilig gehörte sie einer recht radikalen Clique an, die sie jedoch verließ und von der sie sich distanzierte. Offenbar hatte sie Probleme mit ihrer Sexualität. So "verliebte" sie sich in eine Kollegin, die sie selbst nachts anrief. Zeitweilig wurde sie von einem Psychiater oder Psychologen beraten. Mir vertraute sie an, dass sie "nichts mit Jungen anfangen" könne. Sie wisse allerdings auch nicht genau, ob sie nun eigentlich lesbisch sei. Insgesamt war sie ein recht derber Kumpeltyp, sehr sportlich, ihr Betriebspraktikum hatte sie in der holzverarbeitenden Industrie absolviert. Sie gestand offen Alkoholprobleme ein.
Auf dem Wittekindshof hatte sie das Problem, mit ihrem Mitleid und ihren Ansprüchen an sich selbst nicht fertig zu werden. Sie beendete zwar das Praktikum mit großer Anstrengung und ohne Klagen, ihre Selbstzweifel blieben jedoch erhalten. Diese und die Neigung zur Depression waren Charaktereigenschaften ihrer Person, die dazu führten, dass sie während des Praktikums keine Entwicklung wie die anderen Schüler erlebte und es somit wahrscheinlich nicht als eine positive Bereicherung ihres Lebens ansehen konnte. Als ich sie dann jedoch nach ca. 1 ½ - 2 Jahre später wieder traf, stelllte sich heraus, dass sie durchaus positive Erinnerungen an das Praktikum hatte, wobei sie aber feststellte, dass sie sich für einen solchen Beruf nicht eigne.

FALL 4:

Susanne galt auch unter Kollegen als eine Schülerin, die fest im Leben steht. Sie konnte sich in der Schule, der Klasse durchsetzen, hatte aber immer wieder auch schulische Probleme. Sie war als Schülerin bereits in einem "vorgerückten" Alter (18 Jahre), wirkte selbstbewusst, selbstsicher, konnte bei Konflikten vermitteln und war im SOWI-Unterricht sehr engagiert. Um so überraschter war ich, als ich bemerkte, dass sie sich anders verhielt. Beim abendlichen Austausch am Montag hielt sie sich auffällig in ihren Äußerungen zurück. Erst als die Mitschüler sie frag-ten, wie es denn bei ihr gewesen sei, meinte sie, auch bei ihr sei alles "ganz toll gewesen", sie habe dies und das gemacht und erlebt.
Man konnte es ihr nicht abnehmen. Zu künstlich wirkte ihre gute Laune, ihre ganze Haltung wirkte völlig verkrampft.
Ich erklärte ihr, ich sei noch nie in einer Gruppe wie der ihren gewesen und wolle gerne mit ihr kommen, wenn sie nichts dagegen habe. Den Praktikanten des Schülerdorfes ist die Möglichkeit gegeben, am schulischen Unterricht der Sonderschule teilzunehmen. Also begab ich mich mit ihr in die Klasse, der sie zugeteilt war. Es war offenkundig, dass sie mit der Situation nicht zurechtkam. Sie klebte an ihrem Stuhl, versuchte möglichst Abstand zu den Kindern zu halten, wirkte blass und in sich gekehrt, die ganze Körperhaltung war verkrampft. Sie wirkte ängstlich und als würde sie jeden Moment davonlaufen wollen. Die Situation war unhaltbar und es erschien mir das beste, die Schule mit ihr zu verlassen. Vorsichtiges Nachfragen führte dann dazu, dass sie mir ihre Lebensgeschichte bzw. -umstände erzählte. Ihre Eltern lebten getrennt, der Vater war Trinker, die Mutter lebte mit einem wesentlich jüngeren Mann zusammen, mit dem Susanne sich nicht ver-stand. Erst kurz zuvor hatte sie erfahren, dass ihr angeblich leiblicher Vater gar nicht ihr Vater war, sondern dessen Freund. Sie selbst hatte eben mit ihrem Freund die Beziehung beendet, weil dieser nicht mit dem Trinken aufhörte und sogar wohl schon einmal gewalttätig geworden war. Für ihre Kleidung und was sie sonst noch brauchte kam Susanne selbst auf, indem sie neben der Schule Jobs nachging, die eine Menge von ihrer Zeit in Anspruch nahmen.
Das Mädchen war in jeder Hinsicht zutiefst verunsichert. Das lange Gespräch verschaffte ihr Erleichterung, die Verkrampfungen und Ängste lösten sich. Auch sie wollte auf keinen Fall das Praktikum abbrechen. Wir kamen überein, dass sie eine andere Stelle bekommen sollte, damit sie noch einmal von vorne beginnen könne. Der Bann war gebrochen, den Rest des Praktikums absolvierte sie fröhlich und engagiert.

FALL 5:

Regina kannte ich seit der fünften Klasse. Sie war schon da ein Außenseitertyp: still, in sich gekehrt, schüchtern, ohne soziale Kontakte zu ihren Mitschülern. In der sechsten Klasse vertraute sie sich der Klassenlehrerin an. Sie war (angeblich?) sexuell missbraucht oder zumindest massiv sexuell belästigt worden und zwar von einem entfernteren Familienmitglied. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon älter als ihre Mitschülerinnen, da sie eine Aussiedlerin ist. Zu dem Zeitpunkt, als sie sich der Klassenlehrerin anvertraute, machte sie auch mir gegenüber diesbezügliche Andeutungen, so dass ich von Anfang an die Entwicklung beobachten konnte und auf dem Laufenden war. Später erzählte sie mir (in der 8. oder 9. Klasse) die ganze Geschichte. Sie wurde eine Zeit lang psychologisch betreut, brach aber dann diese Kontakte von sich aus ab, da sie meinte, das sei nicht mehr nötig.
Ob es dieses Erlebnis war, das dazu führte, dass sie heute immer noch sehr labil ist, kann ich nicht beurteilen. Jedenfalls nimmt sie noch immer eine Außenseiterrolle ein und verfügt praktisch über kein Selbstwertgefühl. Sie neigt dazu, sich außerordentlich in eine sehr negative Sicht der Welt hineinzusteigern, ist fasziniert vom Tod und hat mir gegenüber auch schon Selbstmordgedanken geäußert, die ich sehr ernst genommen habe. Die Gespräche mit ihr sind enorm schwierig. Im Grunde benötigt dieses Mädchen psychologische Hilfe, da sie m.E. psychisch schwer gestört ist und in einer Traumwelt lebt, die man nur als Hölle bezeichnen kann. Es ist mir nicht gelungen, sie zu überreden, sich fachlicher Hilfe anzuvertrauen. Ich denke, dass die Gefahr, dass sie etwas anstellt, nicht so groß ist, so-lange sie sich mir (mit einem enormen Vertrauen) anvertraut und das Gespräch immer wieder sucht.
Dass es mit Regina Schwierigkeiten geben würde, war mit bewusst. Schüler/innen, die persönliche seelische Probleme haben, haben meist große Pro-bleme im Umgang mit den Behinderten. Dazu sollte es aber gar nicht erst kommen. Ich sah sie erst auf dem Wittekindshof wieder und sie war sehr aufgelöst und aufgeregt und wehrte sich mit allen Mitteln dagegen, das Praktikum durchzuführen. Ihre Mutter, die sie gebracht hatte, bestärkte sie nur noch darin (die Eltern waren auch bei der Missbrauchsgeschichte nicht sehr hilfreich, wie mir erzählt wurde). Das Hauptargument war, dass sie sich sehr mit der Frage, ob sie das Praktikum ertragen können, beschäftigt habe und es ganz schrecklich finde, zum Wittekindshof zu gehen. Sie könne den Anblick nicht verkraften. Sie wisse ganz genau, was sie dort erwarte, sie sei in Russland schon einmal in einer solchen Einrichtung gewesen. Es wurde deutlich, dass sie die reinsten Schreckensvisionen heraufbeschworen hatte, die keinerlei Realitätsbezug mehr hatten, sondern allein auf einem enormen Angstpotential beruhten. Sie war auch nicht bereit, sich wenigstens die Sache mal anzusehen. Kurz und gut, alle Überredungskünste erwiesen sich als zwecklos. Sie hatte sich geradezu in eine Panik hineingesteigert, so dass es mir nicht ratsam schien, sie zu zwingen - falls mir das überhaupt gelungen wäre.
Dieser Fall bestätigt die These, dass der Kontakt mit geistig Behinderten für Menschen mit psychischen Schwierigkeiten Probleme aufwerfen kann.

RESUMEE:

Mindestens drei weitere ähnliche (mehr oder weniger problematische) Fälle könnten hier geschildert werden. Eines ist allen diesen Fällen gemeinsam: Schwierigkeit treten immer dann auf, wenn Schüler psychisch und sozial in Bedrängnis sind. Dann haben sie einfach keine Kapazitäten mehr frei, um mit den auf sie einstürzenden Eindrücken und Problemen fertig zu werden. Schon das Ende einer Freundschaft kann den Aufenthalt auf dem Wittekindshof beeinträchti-gen, so dass ein/e Schüler/in in Tränen ausbricht. Das ist nicht immer ein Signal dafür, dass die Situation unerträglich ist. Wichtig ist es, nicht jede Reaktion gleich überzubewerten, andererseits aber immer ein wachsames Auge zu haben.